1957, der junge Schriftsteller Erich Loest landet in Untersuchungshaft. Vorwurf: "Bildung einer staatsfeindlichen Gruppe, die sich als Ziel gesetzt hatte, die Regierung der DDR zu stürzen". Zwar ist er widerborstig und hat an kritischen Debatten teilgenommen, aber was traut die Staatsmacht ihm und seinem Leipziger Umfeld bloß alles zu? Als er nach sieben Jahren Zuchthaushaft zu Frau und Kindern zurückkehrt, glaubt er nicht mehr an Irrtum und persönliches Pech – auch er war ein Körnchen Sand im Getriebe des Staatssozialismus sowjetischer Prägung.
Noch nie hat Loest seine eigene Geschichte in einen so großen historischen Kontext gestellt: Er beschreibt die Umwälzungen in den sozialistischen Ländern, die kurze "Tauwetter"-Periode, die Rückkehr des Stalinismus in der DDR und die Auswirkungen der Politik auf Menschen mit abweichenden Ideen. Loest hat sie alle gekannt, die Vordenker, Mitläufer und Bauernopfer: den Intellektuellen Wolfgang Harich, den Verlagsleiter Walter Janka, den Journalisten Gustav Just, den Schriftsteller Gerhard Zwerenz; Hans Mayer, Ernst Bloch, Fritz J. Raddatz, Anna Seghers und viele andere.
Mit fünfzig Jahren Abstand schreibt Erich Loest von der Zurichtung der DDR durch Aburteilung ihrer besten Köpfe. Er porträtiert große Namen und Randfiguren, schildert die Prozesse und seine Haftzeit, zitiert aus den perfiden Berichten seines Zellen-Spitzels "Stahl". Loest hat sich auf eindrucksvolle Weise eine Last von der Seele geschrieben und als Augenzeuge ein Stück Schande vor dem Vergessen bewahrt.
Erich Loest im Gespräch
Erich Loest, was hat Sie im Abstand von fünfzig Jahren dazu bewogen, über die damaligen Ereignisse in der DDR zu berichten?
"Nach fünfzig Jahren ist es notwendig, aus einzelnen Fakten und Schicksalen ein geschlossenes Bild zu schaffen, von der noch rauchenden Zeitgeschichte zur Geschichtsschreibung überzugehen. In diesem Fall hilft es, daß der marxistisch-leninistische Versuch DDR mit einer fürchterlichen Blamage geendet hat. Auch können sich die letzten Zeugen in eigener Sache äußern."
Wie überzeugt waren Sie, daß es auch in der DDR ein "Tauwetter" geben würde? War das nicht auch eine gewisse Naivität?
"Wir meinten, dem sowjetischen Parteiführer vertrauen zu dürfen, hielten es gar für Genossenpflicht, dies zu tun. Letztlich hat uns nicht Chruschtschow verraten, sondern Ulbricht. Als nach dem Ende des Ungarn-Aufstands die SED-Führung beschloß, zum alten Kurs zurückzukehren, tat sie das hinter verschlossenen Türen und ließ uns ins blanke Messer laufen."
Sie berichten über sich in der dritten Person, erst sehr spät wird aus L. ein "ich". Was hat es damit auf sich?
"Vieles, was L. und der Häftling 23/59 taten, erscheint mir heute fremd, fragwürdig, schwer erklärbar. Aus kritischer Distanz komme ich diesen Bocksprüngen am ehesten bei."
Empfinden Sie noch Wut auf ehemalige Freunde?
"Zorn ist verraucht, Enttäuschung bleibt."
Die sieben Jahre, die Sie im Zuchthaus Bautzen II absitzen mußten, waren eine lange Leidenszeit. Sind Sie später noch einmal nach Bautzen zurückgekehrt?
"Ich besuchte Bautzen letztes Jahr zu einer Lesung; es war großartig, wie mich die Bürger dieser Stadt begrüßt haben. Den alten Knast werde ich nie besuchen, ich mute es meinen Nerven nicht zu, und niemandem wäre damit geholfen."
Hätten Sie aus heutiger Sicht damals etwas anders gemacht?
"Es war idiotisch, als die Verhaftungen immer näher kamen, nicht das Weite zu suchen."
